Open Access für Radfahrer

Für einen Hobbysammler digitalisierter historischer Radfahrerbücher ist es ein großes Glück, wenn die echte Forschung sein Interesse teilt. In den vergangenen Wochen haben elf Student*innen der TU Berlin in den Quellen gescrollt, um Technikgeschichte darin zu erforschen.

Echte Forschung! Tatsächlich wissen wir noch nicht viel über diese Literaturgattung: Vermutlich gab es zuerst kleine und dann steigende Auflagen gegen Ende des 19. Jahrhunderts und danach. Die mal mehr und mal weniger dicken Anzeigenteile an den Buchenden sind vermutlich ein reicher Fundus für Wirtschaftshistoriker (siehe das Tourenbuch von Estland!). Wer heute Fahrradwerbung retro neu gestalten will, findet reichlich Nährboden: Typo, Gebrauchsgrafik, Werbetexte. Schließlich auch Biografisches, denn die ‚Pioniere der Landstraße‘ waren oft mehrspurig unterwegs: zugleich als Bürgerliche, Sportler, Unternehmer, Verleger und Verbandsfunktionäre in Personalunion (vgl. Gregers Nissen in Hamburg und Theophil Weber in Leipzig). Diese Geschichte wird nach und nach entdeckt. Historische Quellen finden ihren Weg in die digitalen Sammlungen. Vereine wie der www.altonaer-bicycle-club.de fahren wieder Rad und pflegen damit historisches Erbe. In der Freizeit, einerseits. Mit historischem Spürsinn, andererseits. Allerorten wird der schleichende Tod des klassischen Geschichts- und Heimatvereins beklagt. Vielleicht bieten historische Tourenbücher von und für Radfahrer einen neuen Zugang für Heimatforschung – verstanden als naheliegende Verknüpfung mehrerer Interessengebiete: Sport, Regional- und Technikgeschichte. Laien werden für diese alltägliche Mobilitätsforschung gebraucht – wie im 19. Jahrhundert, als auch von ihnen das Fahrrad und dann die Tourenbücher und Karten für Radfahrer erfunden wurden. Nützliche Werkzeuge für kollaboratives Forschen liegen längst bereit, z.B. die Wikipedia-Familie (mit Rad-Rundfahrten in Wikisource) oder Open Street Map für die Verknüpfung von historischen Quellen mit Geodaten.

„Wissenschaftsbloggen ist lebendige, flüssige Wissenschaft, Open Access der kleinen Form“ behauptete Klaus Graf von archivalia twitternderweis.

Auch deshalb sind die Artikel und die darin enthaltenen Recherchen des vergangenen Wintersemesters ein Glücksfall für die Technikgeschichte. Ich sehe in den Tourenbüchern für Radfahrer alltagstaugliche Quellen für die nächste Ausfahrt. Die Straßen, Abzweige und Orte dürften noch weitgehend an Ort und Stelle sein. Nürnberg ist noch ist noch so weit von Fürth entfernt, wie im 19. Jahrhundert. Dafür sehen die Werbeanzeigen für Fahrräder und Radfahrerkleidung heute anders aus!

Meine Sammlung historischer Tourenbücher entstand im SLUBlog. Wer Zotero für die Literaturverwaltung nutzt, findet dort auch eine offene Liste der Digitalisate. Außerdem sind historische Radfahrerkarten ergänzende Quellen für die Regionalgeschichte und deren Umschläge, für alle, die sich mit Gebrauchsgrafik beschäftigen.

Wohin geht die Reise?

Nicht zuletzt die British Road Books legen nahe, dass eines Tages eine europaweite Karte digitalisierter Tourenbücher für Radfahrer entstehen könnte, als Open Street Map-Schicht angereichert mit den GPS-Koordinaten der historischen Strecken und mit anderen historischen, dann auch digitalisierten Quellen: Ansichtskarten, Mitgliedskarten der alten Radfahrervereine, Fahrkarten, weiteren Reiseführern oder heutigen Reiseinfos – navigierbar in einer praktischen App im Smartphone. In jedem Fall liegen all diese Daten dann als Open Linked Data vor, denn fähige Bibliotheken und Archive werden mit ihren Standards auf lange Sicht auch mitspielen wollen, wenn „Hinz und Kunz“ eigene Anwendungen bauen – nicht nur im Studium der Technikgeschichte.

Gute Fahrt!

 

Der Text wurde zuerst als Gastbeitrag im Blog der Technikgeschichte der TU Berlin veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.