200 plus 1: Forschungsmethoden …

[…] Radfahrerwissen, das Forschungsgebiet um das es in dieser Fallstudie geht, entstand vor gut vier Jahren, als mich ein Kollege auf ein digitalisiertes Tourenbuch hinwies – gedacht als Anregung für einen Tweet @slubdresden und für einen Beitrag im SLUBlog. Seit dem sind #200JahreFahrrad vergangen, zumindest das gleichnamige Jubiläumsjahr 2017. […]

via SXRM

vollständigeR Beitrag:

Prolog

Wikisource ist nun um zwei Quellen reicher! Für das Spezial-Tourenbuch für Radfahrer und Touristen durch die Sächsische Oberlausitz aus dem Jahr 1900 werden noch ZweitkorrektorInnen gesucht, um dort dem geltenden Vier-Augen-Prinzip Genüge zu tun, damit die Quellen für wissenschaftliche Zwecke nutzbar und zitierbar sind.

Und: das Tourenbuch von Estland ist so gut wie fertig – 121 Jahre nach dessen Veröffentlichung in Reval. Die Autoren und der Revaler Buchdrucker sind bekannt. Erste Details des Tourenbuchs sind mit Datenobjekten in Wikidata weiter nutzbar: die Autoren, Bierbuden und Kirchenkrüge.

#Radfahrerwissen, das Forschungsgebiet um das es in dieser Fallstudie geht, entstand vor gut vier Jahren, als mich ein Kollege auf ein digitalisiertes Tourenbuch hinwies – gedacht als Anregung für einen Tweet @slubdresden und für einen Beitrag im SLUBlog. Seit dem sind #200JahreFahrrad vergangen, zumindest das gleichnamige Jubiläumsjahr 2017.

Auf welche Art und Weise – und mit welchen Methoden – mein historisches Radfahrerwissen in diesen Jahren wuchs, beschreibt dieser Beitrag. Beispielhaft mag #Radfahrerwissen veranschaulichen, wie ein unprofessioneller Freizeithistoriker arbeitet, weil ihn (oder er?!) ein Thema „angefixt“ hat. Meine Perspektive ist dementsprechend eher die eines sogenannten Citizen Scientist – eines Dilettanten der Dilettantenforschung betreibt, diese aber selbst lieber Fernwehforschung nennt.

Forschungsfragen und Ziele

Historisches Radfahrerwissen aus der Zeit bis 1933 wieder sichtbar und öffentlich zugänglich zu machen, das ist der Anspruch: Wie viel altes Radfahrerwissen machen wir (2018) 2019 wieder sichtbar?, lautet eine zentrale Frage. Daraus folgte 2017 beispielsweise der VDA-Blogpost Wieviel Radfahrerwissen steckt noch in Archiven?

Sichtbar machen bedeutet einerseits, Spuren der lokalen und regionalen Radfahrgeschichte zu finden und dann suchmaschinenrelevant aufzubereiten, damit sie sichtbar werden für alle, die nach ähnlichen Begriffen suchen wie ich seit vier Jahren. Auch, um Neugier zu wecken auf weitgehend vergessene Aspekte der Mobilitätgeschichte. Fokus dabei sind hier vor allem gesellschaftlich-sozial-kulturelle Themen, weniger die Technikgeschichte des Fahrrads. Die ist bereits gut erforscht.

MethodenTEILen

Die folgende Dokumentation der nach und nach genutzen Vorgehensweisen, um „verschollenes“ Radfahrerwissen zu finden ist der Ausgangspunkt für detailliertere Erläuterungen zu einem späteren Zeitpunkt. Fragen und Feedback sind willkommen!

Digitalisierung

Die Kollektion Das Fahrrad der Digitalen Sammlungen der SLUB entstand für das Jubiläumsjahr 2017. Sie wächst. Für Funde von Radfahrerbüchern aus der Zeit um 1900 in den Katalogen europäischer Bibliotheken gibt es mehrere Optionen, um eine Open Access-Digitalisierung zu erreichen:

Suchagenten

2014 ergab die Internetsuche nach „Lausitzer Radfahrer-Bund“ weniger als fünf relevante, zumeist unspezifische, Treffer. Ein automatischer Ebay-Suchagent wies auf das Angebot einer Mitgliedskarte des LRB aus Pulsnitz hin. Dies war mein Anstoß für erste und für weitere Recherchen: Wer war der LRB?

Ebay-Suchagenten sind hervorragend geeignet, um fortlaufend z.B. antiquarische Spuren bestimmter Themenfelder und Akteure zu suchen, zu finden und ggf. zu kaufen.

Open Access mit Wikipedia

Ein Wikipedia-Artikel ist ein wirkungsvolles Mittel, um

  • einen Begriff als Lemma sichtbar zu machen,
  • Korrekturen und Zusatzwissen anderer Autorinnen anzuziehen und
  • zu verknüpfen.

Suchmaschinen nutzen Wikipedia als Index für Suchanfragen. Mit Wikidata, das inzwischen mit seinem strukturierten Datenschema als Rückrat der Wikimedia-Projekte fungiert, ist die Wirkung für die Sichtbarkeit noch gestiegen.

Löschanträge für vermeintlich irrelevante Artikel hatten im hier beschriebenen Themengebiet bisher vor allem qualitätssteigernde Wirkung auf die betreffenden Lemmata, wenn andere Autorinnen – teils über Nacht – wichtige Details ergänzten, vgl.:

Open Access mit Qucosa

Nicht für jede Geschichte sind Wikipedia-Artikel geeignetes Publikationswerkzeug. Zweit- und Erstveröffentlichungen auf einem Open-Access-Server wie Qucosa sind für umfangreichere Recherchen und Forschungsergebnisse gut geeignet. Diese Publikationen werden so in Verbundkatalogen der Bibliotheken potentiell weltweit sichtbar.

OER World map

Radfahrerwissen ist zudem ein Teil der OER World Map, um das Themenfeld für Pädagoginnen nutzbar zu machen. Anstoß bot eine Kooperation mit dem Schulportal Thüringen, das 2017 mehrere Lehrmaterialien auf Basis digitalisierter Radfahrerbücher veröffentlichte:

Hauptseminar zum Tourenfahren, TU Berlin 2016

Mit den Blogposts von Studentinnen und Studenten der Technikgeschichte, die als Prüfungsleistungen gewertet wurden, entstand an der TU Berlin 2016 ein vielfätiger EInblick in die Themen und Fragen, die historische Radfahrerbücher in sich tragen. Der Text Estland als Peripherie europäischer Fahrradgeschichte? nimmt die Idee, dieses Buch auszuprobieren, bereits auf.

Social Media: @radfahrerwissen

@radfahrerwissen ist seit Anfang 2017 Jahren der tägliche Kommunikationskanal für #Radfahrerwissen auf Twitter. Wertvoll ist dort der Austausch mit anderen Forscherinnen und die mediale Reichweite bspw. im Falle von Löschanträgen in der Wikipedia.

Selbstwirksamkeit ist spürbar, wenn deutlich wird, dass andere mit den Ergebnissen der eigenen Forschung etwas anfangen können. Auch die Kooperation mit dem Schulportal Thüringen entstand durch Tweets.

Archiv- und Bibliotheksbesuche

Persönliche Recherchen in der SLUB, im Stadtarchiv Freiberg, im Stadtarchiv Dresden, in der UB Rostock, UB Leipzig und in der Nationalbibliothek Lettlands waren für einzelne Funde grundlegend.

Gastbeiträge in Weblogs Dritter

Gastbeiträge in Weblogs dienen der Sichtbarkeit und Regionalisierung des eigenen Forschungsthemas, vgl.

Wikisource

Radfahrerwissen in Stadt- und Regiowikis

Die Daten des Jahrbuchs der deutschen Radfahrervereine wurden als Basis für neue Seiten zu historischen Radfahrervereinen in regional relevanten Stadt- und Regiowikis verwendet, teilweise dort von anderen Stadtwikiautorinnen mit den Seiten lokaler Adressen verlinkt und mit Zusatzwissen angereichert. Das Risiko dabei: der 2017 bereits umfangreich erweiterte Artikel im www.sachsen-anhalt-wiki.de ist mit dem gesamten Wiki leider verschwunden.

Coding da Vinci: nachgeradelt.de

Die Webanwendung www.nachgeradelt.de entstand 2018 im Rahmen des Kultur-Hackathons Coding da Vinci Ost, gewann dort in der Kategorie most useful und soll in Zukunft mit dem Team weiterentwickelt werden.

Wikidata

Für die Dokumentation von Forschungsdaten (z.B. für den Nachweis historischer Vereine und Radfahrerbünde, von Personen, historischer und eigener Publikationen) ist Wikidata besser geeignet als Wikipedia. Potentiell ließe sich mit Wikidata z.B. die historische Verbands- und Publikationsstruktur der Gaue des Deutschen Radfahrer-Bundes nachweisen.

Reisen

Seit der EOD-Digitalisierung des Tourenbuchs von Estland bestand die Idee, die darin genannten Bierbuden und Kruge zu suchen, um ggf. in einem noch bestehenden Lokal ein Bier zu trinken. Im Sommer 2018 unternahm ich diese Radreise von Tallinn nach Riga. Für das Verständnis für eine Region, deren Geschichte und weitere Funde, Kontakte mit Esten, neue Antworten und Forschungsfragen war diese Reise wichtig.

Ausblick

Wieviel Radfahrerwissen machen wir 2019 wieder sichtbar? Dem Twitter-Hashtag #201JahreFahrrad steht vermutlich keine große Reichweite bevor, aber die Geschichtsschreibung geht weiter. Auch wenn in den vergangenen vier Jahren eine Reihe regionaler Radfahrerbünde wieder sichtbar geworden ist, so dürfte der Großteil dieser Organisationen und deren Radfahrerwissen weiter unentdeckt sein. Einige dieser Bünde und ggf. deren Gaue haben eigene Publikationen produziert: Tourenbücher, Festschriften, Karten und Zeitungen; Material für neue Forschungsfragen und für Digitalisierung!

Vier Perspektiven bestehen für die hier vorliegende Fallstudie:

  1. vertiefte Forschung und weitere Publikationen zum historischen Radfahrerwissen der Oberlausitz und der historischen Ostseeprovinzen
  2. Entwicklung eines estnisch-deutschen Citizen Science-Projekts auf Basis des Tourenbuchs von Estland und des Baltischen Radfahrer-Kalenders für das Jahr 1897
  3. Potentiale von Wissengraphen für die Verwendung von Linked Open Data aus Kulturinstitutionen in regional- und radtouristischen Anwendungen, vgl. nachgeradelt.de
  4. Gute Fahrt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.