Die Plastizität des Gehirns (2021)

Sechs Jahre sind seit 2015 vergangen. Mein Unfall kurz vor der Fahrt zum Bibliothekartag nach Nürnberg verhinderte auch den Aufenthalt im nahegelegenen Ortspitz: hier sitze ich heute wieder. Seitdem wurden Häuser gebaut, umgebaut und abgerissen. Das Walberla steht noch. Gasthäuser suchen Personal, händeringend. Denn die Biere, blaue Zipfel und das Kren schmecken noch immer. Glück gehabt.

Vor zwei Jahren entstand die Idee von den vergangenen Jahren zu berichten, seit 2015. Einerseits, weil die Reportagen von Nils Kopp wie auf den Kopp gefallen, wichtig und nützlich und Vorbild sind, um zu verstehen wie Schädel-Hirn-Trauma (SHT) wirken; andererseits, um selbst nicht zu vergessen. „Fünf Jahre wird er wohl brauchen, um sich davon zu erholen“, hätte jemand für sich gedacht 2015, erzählte er vor ein paar Wochen. Tatsächlich verblassen eigene Erinnerungen an meinen Heilungsprozess inzwischen, die 2019 noch deutlicher waren. Seitdem (2019) wäre der Eindruck, den ich nun hinterlasse ein anderer, z.B. die Holperer im Redefluß verschwunden, hieß es gestern.

Die Plastizität des Gehirns

Was ein SHT bedeuten kann, lernen alle Beteiligten erst in den Wochen, Monaten und Halbjahren danach: Angehörige, Familien, Kolleginnen und Kollegen. Insofern mögen diese Zeilen vielleicht einen Eindruck geben; vielleicht sind sie jemandem Hilfe, auf irgendeine Weise. Zeit braucht das alles sowieso. Als MeH (Mensch mit erworbenem Hirnschaden) setzt man sich gezwungenermaßen mit seiner Hirnverletzung auseinander, reflektiert und lernt so gut geht es geht. Andere dürfen mit diesen neuen Umständen auch umgehen lernen, stecken aber selbst nicht drin. Wie auch?! Und, das erscheint im Rückblick wichtig, sie wären mit Infos und Wissen über SHT & MeH möglicherweise überfordert und vielleicht besser auf all dies vorbereitet gewesen (Reizbarkeit, Erinnerungslücken, Vergesslichkeit, Persönlichkeitsänderungen) soweit das überhaupt möglich ist. Überfordert waren wir (Familie, Umfeld: privat und beruflich) streckenweise mit mir alle, mit dem SHT und den Auswirkungen. Nils Kopp zeigt das gut in seinen Reportagen: Wieder leben lernen – ein Schädel-Hirn-Trauma und seine Folgen (2010). Ein erstes (und gutes) Angehörigengespräch hatten wir am Ende meiner Therapie in der Uniklinik in Leipzig, fast ein halbes Jahr nach dem Unfall. Das war reichlich spät, denke ich.

Ich verbrachte nach den Wochen in der Uniklinik in Dresden einige Wochen im Juli und August 2015 in neurologischer Reha in Kreischa … ging dort auch wandern und Himbeeren pflücken. Die Therapie der Tagesklinik an der Uni Leipzig (Kognitive Neurologie) im November und Dezember 2015 dauerte sechs Wochen und war vermutlich grundlegend, für die berufliche Wiedereingliederung 2016 sowieso, und im Detail z.B. in Bezug auf die orthoptische Therapie:

Dabei geht es um die Betreuung und Rehabilitation von Patienten mit erworbenen Sehstörungen nach Hirnschädigungen, zum Beispiel durch Schlaganfall, Tumore, Unfälle oder andere neurologische Erkrankungen.

Die Wochen in Leipzig habe ich genossen: tägliches Pendeln von Dresden, neue Routinen, fremde Wege gehen. (Was vermutlich viel mit Leipzig selbst zu tun hat. Die Stadt ist cooler als Dresden.) Weihnachtsmärkte im Dezember.

Wie macht sich der Unfall bemerkbar (die Verletzungen, bleibende Defizite)? Die Frage wurde hin und wieder gestellt, inzwischen seltener. Ich erinnere mich an das Warten auf Busse, die laut Fahrplan in wenigen Minuten kommen. Und während des Wartens beginnt mein Gehirn unruhig zu werden: kein Bus kommt um die Ecke (denn es fehlen noch zwei Minuten!), die Unruhe nimmt trotzdem schnell zu: vermutlich kommt der Bus nicht!?! … Unruhe, Zweifel, Unruhe, kalt wars auch … der Bus kam dann nach zwei Minuten trotzdem (ganz normal). Gefragt nach einer Erklärung für diese ‚innere Panik‘ erklärte mir ein Neurologe, dass durch das SHT möglicherweise Hirnareale geschädigt wurden, die dafür zuständig sind Erwartungen und Realität abzugleichen (wenn ich mich richtig erinnere). Beim Warten auf Busse passiert genau das mehr oder weniger im Sekundentakt.

Sozialstress ist heute noch eine Baustelle: Gespräche – laute und vielstimmige, Konflikte – leidenschaftliche Diskussionen oder Gezeter. In den Wochen nach der ersten Reha bin ich teils gezielt ins (große, nie reizarme, aber irgendwie doch berechenbare) Kaufland einkaufen gegangen, um beschäftigt Ruhe zu finden. Sehr lange Radtouren und Bahnenschwimmen machen den Kopf leer, meinte auch ein Psychotherapeut und hatte recht. Schlaf (Mittags!) und solcher Sport senke das Anspannungsniveau im Gehirn und die Gefahr die Punkte zu überschreiten, an denen das nach dem SHT weniger belastbare Gehirn in Stresssituationen überfordert ‚aufgibt‘. Kipppunkte, die man lieber vermeidet.

Wenn wir in ein paar Jahren die diagnostischen Test wiederholten, so hieß es 2015, wären die Ergebnisse vermutlich ähnlich ’schlecht‘. Das heißt: Das Gefäß, das Gehirn ist kaputt, geschädigt. ABER: Was das Gehirn gut kann sind Kompensationsstrategien. Umwege, die helfen, die Defizite auszugleichen. Das braucht auch Zeit. In meinem Fall hat das recht gut geklappt, denke ich. Glück gehabt. Und einen Fahrradhelm.

Ich habe in den vergangenen Jahren viel Zeit am Computer verbracht. Mehr als ich sollte, denn Bildschirmarbeit ist Stress fürs Gehirn. Ich habe dort Sinn gefunden: Ziele, Transkriptionen, Kulturdatenprojekte, Erfolge … und Reiseanlässe. Meine Radtour durch Estland im Sommer 2018 war dann im Rückblick auch mein Beweis, dass ich das noch kann: allein reisen, globetrotten, unterwegs zurechtkommen, Menschen treffen … und darüber schreiben. Diese Reise war richtig wichtig.

Die berufliche Wiedereingliederung missglückte (2016) erstmal, insofern als dass informelle Vereinbarungen nicht mehr galten und ich eigene Leistungsfähigkeit neu einzuschätzen lernen musste. Ich reduzierte Stelle und Arbeitszeit zeitweise. Und ich bat um Versetzung aus dem angestammten Feld der Öffentlichkeitsarbeit. Seitdem: Sächsische Landeskunde (Saxonica) / Citizen Science in der SLUB. Gefunden habe ich dort alte neue Arbeitsfelder, schreibe und baue neues Zeug. Manches wäre sonst anders gekommen. Inhaltlich passt das heute sehr gut. Auf den Unfall und die Hirnverletzung hätte ich trotzdem gern verzichtet.

Ein Zwischenfazit? So ein Schädel-Hirn-Trauma prägt. Und auch die Jahre damit, also danach, prägen einen. Vielleicht bin ich kompromissloser geworden, und ungeduldiger in dem Sinne, dass ich irgendwie (fast) erlebt habe, das mein Leben von jetzt auf gleich zu Ende sein kann. Ich zögere etwas seltener. Wir wissen wenig über Hirn-Verletzungen. Betroffen dürfte fast jeder irgendwann davon sein – selbst direkt oder direkt indirekt durch Zugehörige. Insofern, falls auch betroffen: lest, hört, guckt, recherchiert, redet. Also, alles wie immer!

Ich wählte vorher nicht die Nazis. Das hat sich nicht geändert. 🙂

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