Open Access für Radfahrer

Für einen Hobbysammler digitalisierter historischer Radfahrerbücher ist es ein großes Glück, wenn die echte Forschung sein Interesse teilt. In den vergangenen Wochen haben elf Student*innen der TU Berlin in den Quellen gescrollt, um Technikgeschichte darin zu erforschen.

Echte Forschung! Tatsächlich wissen wir noch nicht viel über diese Literaturgattung: Vermutlich gab es zuerst kleine und dann steigende Auflagen gegen Ende des 19. Jahrhunderts und danach. Die mal mehr und mal weniger dicken Anzeigenteile an den Buchenden sind vermutlich ein reicher Fundus für Wirtschaftshistoriker (siehe das Tourenbuch von Estland!). Wer heute Fahrradwerbung retro neu gestalten will, findet reichlich Nährboden: Typo, Gebrauchsgrafik, Werbetexte. Schließlich auch Biografisches, denn die ‚Pioniere der Landstraße‘ waren oft mehrspurig unterwegs: zugleich als Bürgerliche, Sportler, Unternehmer, Verleger und Verbandsfunktionäre in Personalunion (vgl. Gregers Nissen in Hamburg und Theophil Weber in Leipzig). Diese Geschichte wird nach und nach entdeckt. Historische Quellen finden ihren Weg in die digitalen Sammlungen. Vereine wie der www.altonaer-bicycle-club.de fahren wieder Rad und pflegen damit historisches Erbe. In der Freizeit, einerseits. Mit historischem Spürsinn, andererseits. Weiterlesen

Gibt es noch diese alten Dorfkrüge und Bierbars in Estland?

Wer kann Estnisch, kennt Estland und will helfen, die Krüge (Kr.) und Bierbars (Bierb.) von 1896 ausfindig zu machen und zu besuchen? Falls sie heute noch Gäste erwarten. Vielleicht kann uns Googlemaps bei der ersten Recherche helfen!

Zum Weiterlesen: Riding toward the Civil Society: Bicycle in Nineteenth-Century Estonia von Mikko Kylliäinen

Inzwischen auch eine digitale Herausforderung: Europa der Regionen

Die Vision „Europa der Regionen“ war für Radreisende vor 120 Jahren zumindest literarisch zum Teil schon Realität. Tourenbücher für Radfahrer und ihre Verwandten wurden für bestimmte Regionen (Gaue, Gebirgszüge, Nord-, Süd-, Ost-, Mittel- und Wetsdeutschland, Königreiche, Nürnberg/ Fürth,…) verfasst. Grenzübergängefahrten tauchen darin als Reisebestandteil selbstverständlich auf, wie auch unterschiedliche Verkehrsregeln im Nachbarland, an die man sich zu halten habe. Die Herausforderung für Sammler und Bibliotheken: Ein digitales Puzzle aller Regionen zu bauen, für die jemals Tourenbücher, Wegweiser, Wanderbücher etc. für Radfahrer erschienen sind – idealerweise mit digitalen Volltexten für die Forschung und neue Radtouren-Apps. Europaweite Radrouten ließen sich dann gut mit diesem „althergebrachten“ Wissen, anderen historischen Quellen, digitalen Medien und anderen Themen anreichern oder neu proklamieren, auch für Europahonig-Rundfahrten.

Cycling toward the civil Society

Den Artikel Riding toward the civil Society – Bicycle in Nineteenth-Century Estonia von Mikko Kylliäinen fand ich bei der Spurensuche zu Estischen Radfahrervereinen ausgehend vom grandiosen Touren-Buch von Estland mit Fortführung der Touren bis in die Städte Nord-Livlands von 1897, in dem nicht nur damalige (Dorf-)Krüge und die Bierbars entlang der Wegstrecke, sondern auch der umfangreichste (mir bekannte) Anzeigenteil eines historischen Tourenbuchs für Radfahrer, zu finden sind. Riding toward the civil Society kann fast schon als Leitgedanke für das Baltikum, die Nachbarländer, Europa etc. dienen. Mikko Kylliäinens Abstract:

The diffusion of the predecessor of the modern bicycle, the velocipede, started in Europe at the end of the 1860s. Around this time the velocipede also arrived in the area populated by Estonians, at the same time as in the neighboring Finland. The popularity of the bicycle started to grow in the 1880s, when the Baltic Germans first started to found bicycle clubs. In Estonia and northern Livonia, the Baltic Germans had the best possible means of acquiring a manufactured bicycle from abroad. However, this was not the only example of cycling culture in the governments of Livonia and Estonia; also the ordinary people had been interested in cycling since the 1880s. Estonians started to form their bicycle clubs in the 1890s, when the sales of bicycles were growing all over the world. Perhaps, the foundation of bicycle clubs can be partly explained also by the political situation in Estonia and Livonia and the national awakening of the Estonians. Similarly to other types of clubs, the bicycle clubs also offered people a chance to discuss social matters and politics. Thus, the civil society was partly built in bicycle clubs, too.

Meine Visionen: Zum Frühstück servieren wir gemeinsam Europahonig.