2019: Einleitung

Ich fand Estland in der Nationalbibliothek. Ebay wies den Weg in die Oberlausitz, nach Pulsnitz und dann weiter. Bis Demitz-Thumitz, den Ort kurz vor Bautzen, an dem Georg Pauli mit seinem Verein 1906 den Lausitzer Radfahrer-Bund erfand. Typen wie er prägten die Jahrzehnte um 1900, gründeten Radfahrvereine, Radfahrerbünde und Zeitungen. Als Lehrer, Apotheker oder Verleger schrieben sie Geschichte. Pauli baute sich eine eigene Druckerei.

Mit ihren Tourenbüchern, ihren Wegweisern, Rad-Reisebüchern und Radfahrerkarten begann meine eigene literarische Reise durch Europa. Lange Sommertage in den ehemaligen Ostseeprovinzen – mit dem Rad in Estland entlang der Grenze zu Livland und im heutigen Lettland – prägen inzwischen meine Sicht auf die Dinge – hier und dort.

1936 fuhren zwei Jungen aus Tõrva – August Bernhardt und Enn Saare – mit ihren Rädern nach Berlin, um die Olympischen Spiele zu sehen. Hin und zurück. Diese 3000 Kilometer verbinden die deutsch-estnische Geschichte mit der jüngeren Geschichtsschreibung. Ihr Dankesschreiben, eine Postkarte für die Unterstützer der Reise, ist inzwischen in einem Coffee-Table-Book zu finden, das in Törva im Sommer 2018 in der Lettischen Botschaft auslag. Berlin liegt von dort aus gesehen im Westen. Viel interessanter aber ist: Welche Strecken fuhren August und Enn vor 84 Jahren?

Eine Landkarte der Regionen im Deutschen Radfahrer-Bund von 1882 wurde in der Nationalbibliothek Polens digitalisiert. Die Karte stellt die 40 Gaue des DRB dar: von Hamburg (GAU 1) bis Österreichisch-Schlesien (Gau 40). Wenig später – 1897 – steht im Jahrbuch der deutschen Radfahrervereine:

Die Gaue 32 bis 36 liegen im Ausland.

Die Ostseeprovinzen waren damit nicht gemeint. Und doch gehörten sie zum Verbreitungsgebiet deutscher Fahrradkultur: Clichés des Dresdner Illustrators Gustav Bauer wurden 1897 in Reval und Riga in die dortigen Radfahrerbücher gedruckt. Seine Fahrradmotive fanden also ihren Weg ins Baltikum. Die 40 Gaue des DRB, die Haupt-Consulate der Allgemeinen Radfahrer-Union, die Tourenbücher aus historischen Königreichen, ehemalige Bundes- und Unionshotels, die Bundeseinkehrstellen und die Streckenverläufe der ersten regionalen Rundfahrten – vieles spricht für mehr Forschung und für diese regionalen Spuren europäischer Geschichte.

Europäische Heimatforschung beginnt und endet nicht in Estland, 1500 Kilometer vor Berlin, sondern in Moskau, Schottland, Portugal, Spanien, Krain, West-Galizien oder in Schlesien und der Oberlausitz.

In Archiven, Bibliotheken und Antiquariaten stecken tausende Teile eines großen Puzzles: das gesammelte #Radfahrerwissen einer Heimat – Europa.

Junge oder Mädchen?

Krain!

Der Wegweiser durch Krain u. Küstenland für Radfahrer : mit 82 Bildern und einer Strassenkarte von 1895 war – und ist

 

Ich werde das Buch nicht transkribieren. In Anlehnung an das Tourenbuch von Estland ist meine Frage viel mehr: Wer hat noch Forschungsfragen?

Europäische Heimatforschung


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