neu hier: „Die Zukunft der Bürgerforschung“ u.a. mit Radfahrerwissen und veloPoster in Münster

Poster

More than cycling: Europäische Heimatforschung

More than cycling: Europäische Heimatforschung, [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Paper

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Gustav Bauer war ab 1914 Vorsitzender des Bunds der Xylografischen Anstalten Deutschlands

Gustav Bauer hat längst ein Wikidata-Item (Q56097315). Seine Anzeigen erschienen in der Draisena z.B. 1899, aber auch in der Phonographischen Zeitschrift 1909.

Um 1898 produzierte er in Dresden Clichés für die Fahrradbranche – veloClichés, wie ich sie nenne! Seit heute in den Wikimedia Commons, zumindest eine erste.

Sitzende Dame, GUSTAV BAUER

Danke, Volker!

Europäische Heimatforschung: eine erste Definition

Europäische Heimatforschung ist:

  • grenzüberschreitende Forschung
  • subjektiv (Heimat, auch in Mehrzahl)
  • ist teilnehmend
  • hat Open Access
  • ist mehrsprachig
  • passiert unterwegs, on the road
  • ist ein Puzzle über~regional verteilter Narrative und Wissensbestände
  • und sucht überregional nach regionalen Zusammenhängen
  • Sie hat selbst das Zeug zum Narrativ.

vgl. de.wikiversity.org : Fellow-Programm Freies Wissen

ERGÄNZUNG

placemaking: Gespräche & Heimatforschung

Märkte sind Gespräche.

Der Gemeinsame Markt: auch Gespräche

Geschichtsmärkte für Europäische Heimatforschung sind … … Gespräche.

MarketPLACEMAKING:

Der Gedanke: Wer Heimatforschung europäisch denken will – i.S.v. heimatforschend in nahen und entfernten Nachbarschaften, die oder der führt Gespräche – tatsächliche (am estnischen Gartenzaun beim Honigkauf, in Grenzen überschreitenden e-Mails, auf Diskussionseiten in Wikisource und Wikipedia, …) und im übertragenen Sinne (mit Zitaten, Verweisen, entlang von Narrativen, mit Veröffentlichungen, die hoffentlich gelesen werden) …

 

Enn Saare : TÕRVAST BERLIINI

“Narrative entwickeln, die uns weiterführen, um ein gemeinsames Bild zu bekommen”, so Dr. Mart Laanemäe, Estnischer Botschafter in Berlin.

Geschichte geht weiter:

#EnnUndAugust fuhren 1936 nach Berlin, um die Olympischen Spiele zu erleben. Rein Mikk, Nachfahre von Enn Saare in , sammelt Wissen über diesen Ort und seine Menschen. Mit seiner Erlaubnis veröffentliche ich hier eine Kopie seines estnischen Textes über Enn Saare und seine Radeise mit August Bernhardt nach Berlin – und zurück. Zuerst die Eine deutsche Übersetzung soll folgen:

Postkarte von Enn Saare und August Bernhardt

Von Tõrva nach Berlin[1]

Enn Saar (früher Eduard Sohikael) wurde am 2.03.1912 in der Mühle von Koorküla geboren. Eltern – Hans Sohikael und Liis Pokk. Enn ging 1937 nach Tallinn, später auf die Insel Saaremaa/ Ösel.

Zwei Schüler der Sekundarstufe von Gymnasium Tõrva, zwei junge Männer, hatten sich vorgenommen, an den Olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen. Zur Realisierung der Idee sollten Fahrräder verwendet werden. Beide mutigen jungen Männer, sowohl August Bernhardt als auch Enn Saar, waren kräftige Sportler.

Der Wille war gut, aber das für die Reise benötigte Geld reichte nicht aus. Enn Saars Elternhaus befand sich in Holdre, wo Enn in seiner Freizeit in der Sägemühle für die Reise Geld verdiente. Der Junge August aus Tõrva arbeitete im Sommer als Landarbeiter und bekam so zusätzliches Geld, aber auch das war nicht genügend. Die grösste Sorge war immer noch das Fahrrad. Enn Saar hatte sein eigenes Rad, August aber nicht. Nun war guter Rat teuer. Und sie schafften es. August Bernhardt riskierte und es ist gelungen: er wandte sich an den Geschäftsinhaber der Tallinner Fahrradfabrik mit dem Vorschlag, ihm ein Fahrrad für die Fahrt von Tõrva nach Berlin (natürlich um der Fabrik Reklame zu machen) zu leihen.

Der als erfolgreicher Geschäftsmann, wusste, wie gute Reklame er damit bekommen wird, so gab der Geschäftsmann dem jungen Mann das Fahrrad. Noch mehr; er hat den Jungen 50 Kronen als Taschengeld hinzugefügt. Nun waren die Fahrzeuge da. In Anbetracht des langen Weges und der Unvermeidlichkeit des Gepäcks wurden die Gepäckträger auch an den Vorderrädern montiert.

Hinterher lässt es sich schwer feststellen, wer auf die Idee kam, Postkarten mit der Reiseroute zu drucken. Es gibt keine Notizen über die Kosten und Auflage, aber die Karten wurden gedruckt. Wie man den beigefügten Fotokopien entnehmen kann, ist alles auf der Karte sehr korrekt. Die Postkarte war sowohl eine Visitenkarte für die Jungen als auch eine Bekanntmachung für Tõrva und Estland. Die Postkarten waren auch als Einnahmequelle, weil die Karten während der gesamten Reise zu vereinbarten Preis verkauft wurden. Bemerkenswert ist das gute technische und drucktechnische Niveau der Karten. Sie wurden in der damaligen Druckerei Ramberg in Tõrva gedruckt. Der Käufer erhielt ein Foto der Jungen, den Zweck der Reise und die Hauptroute, und es wurde auch bekannt, dass es so einen Platz auf der Erdkugel gibt, wie eine Kleinstadt Tõrva.

Das Gebäude des Gymnasium von Tõrva auf der Rückseite der Karte befindet sich am selben Ort wie das Gymnasium heute. Die Jungen haben wahrscheinlich auch ihre Deutschkenntnisse erweitert, sonst wäre es schwer gewesen, mit der Reise fertig zu werden, aber die Tatsache bleibt bestehen, das Rennen verwirklicht wurde. Leider kennen wir nicht alle Details der Reise, kennen nicht die Prüfungen und Abenteuer, die die Jungen  erlebt haben, aber sicher ist sicher, dass sie würdevolle Söhne Estlands waren.

Lass uns auf den heutigen Tag kommen! Würden unsere Eltern den Jungen in diesem Alter erlauben, so etwas zu tun? Den Jungen durch mehrere Länder und mit unzureichenden Sprachkenntnissen diese Fahrt möglich zu tun, das war von den Eltern auch eine mutige Tat. Und wie funktionierten die Zollformalitäten und Währungsprobleme?

In Berlin wurden die Jungen gut aufgenommen. Nachdem sie die Olympischen Spielen miterlebt hatten, wurden die Jungen, jetzt auf Kosten und mit Briefen der Olympiaorganisatoren, durch Dänemark und Schweden nach Hause geschickt. Der Ring durch halb Europa und den Spass an der Schiffreise noch dazu! Was für ein Abenteuer und ein Erlebnis für junge Männer, und welch ein Beispiel für jüngere Mitschüler! Schauen Sie sich die zuversichtlichen Gesichter dieser jungen Männer an, sie waren die Söhne einer freien Nation aus einem freien Land. Ich weiss nicht, wie die Rückkehrer von den Einwohnern von Tõrva empfangen wurden, aber sie hatten auf jeden Fall einen festlichen Empfang verdient.

Das mutige Abenteuer der Jungen war Erfolg gewesen. August Bernhardt kehrte, wie versprochen, von der glücklichen Reise zurück und brachte das Fahrrad dem Kaufmann zurück. Ein Geschäftsmann ist kein Geschäftsmann, wenn er eine solche günstige  Werbemöglichkeit nicht benutzt. Auf Wunsch des Unternehmers erstellte August Bernhardt einen Reiseplan, der mit dem von den Olympischen Spielen zurückgekommenen Fahrrad  auf Schaufenster präsentiert wurde. Keine bessere Reklame könnte man nicht ausdenken. Den Sieg feierten: der Geschäftsmann, der Sport, die Jungen und die gesamte estnische Nation. Schliesslich hatte August Bernhardt noch die Möglichkeit, das angenehmste Fahrrad aus dem Laden für sich selbst auszuwählen. Der junge Mann war natürlich froh, das zu tun.

Wo sind sie jetzt, diese jungen unternehmungslustigen Kerle aus Tõrva? Enn Saare lebt nicht mehr. August Bernhardt hat das Schicksal nach Kanada gebracht.

Es wurde das Jahr 1936 geschrieben.

Die kleine Estnische Republik hat sich bei den OS in Berlin noch anders in die Weltgeschichte geschrieben. Bei OS hat bisher noch kein Athlet Goldmedaillen sowohl im klassischen als auch im Freiringen gewonnen. Der Este Kristjan Palusalu kehrte mit zwei Goldmedaillen zurück und wurde ein Nationalheld. Andere Bereiche waren ebenfalls erfolgreich. Insgesamt erhielt die Republik Estland 7! Medaillen bei den Berliner OS. Estland war damals das 14. Land der Welt für Medaillen. Das letzte Mal spielte die Republik Estland mit einer unabhängigen Mannschaft bei den Olympischen Spielen. Estland hatte dann noch ein eigenes Olympisches Komitee. Der Krieg begann und eine tödliche Wende kam. (Danach nannte dieses kleine Land für 50 Jahre – Sowjetestland. Jetzt ist Estland wieder freies Land.)

Rein Mikk

Zusatz: Das Rennen wurde am 23. Juli 1936 in Valga gestartet. Es dauerte 12 Tage bis Berlin. August Bernhardt war Schüler des  Gymnasium Tõrva und Enn Saar der Schüler der Landwirtschaftlichen Schule bei Tõrva. New Estonia 25.07.1936; Bild aus der Fotosammlung von Jüri Villemson.

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2019: Einleitung

Ich fand Estland in der Nationalbibliothek. Ebay wies den Weg in die Oberlausitz, nach Pulsnitz und dann weiter. Bis Demitz-Thumitz, den Ort kurz vor Bautzen, an dem Georg Pauli mit seinem Verein 1906 den Lausitzer Radfahrer-Bund erfand. Typen wie er prägten die Jahrzehnte um 1900, gründeten Radfahrvereine, Radfahrerbünde und Zeitungen. Als Lehrer, Apotheker oder Verleger schrieben sie Geschichte. Pauli baute sich eine eigene Druckerei.

Mit ihren Tourenbüchern, ihren Wegweisern, Rad-Reisebüchern und Radfahrerkarten begann meine eigene literarische Reise durch Europa. Lange Sommertage in den ehemaligen Ostseeprovinzen – mit dem Rad in Estland entlang der Grenze zu Livland und im heutigen Lettland – prägen inzwischen meine Sicht auf die Dinge – hier und dort.

1936 fuhren zwei Jungen aus Tõrva – August Bernhardt und Enn Saare – mit ihren Rädern nach Berlin, um die Olympischen Spiele zu sehen. Hin und zurück. Diese 3000 Kilometer verbinden die deutsch-estnische Geschichte mit der jüngeren Geschichtsschreibung. Ihr Dankesschreiben, eine Postkarte für die Unterstützer der Reise, ist inzwischen in einem Coffee-Table-Book zu finden, das in Törva im Sommer 2018 in der Lettischen Botschaft auslag. Berlin liegt von dort aus gesehen im Westen. Viel interessanter aber ist: Welche Strecken fuhren August und Enn vor 84 Jahren?

Eine Landkarte der Regionen im Deutschen Radfahrer-Bund von 1882 wurde in der Nationalbibliothek Polens digitalisiert. Die Karte stellt die 40 Gaue des DRB dar: von Hamburg (GAU 1) bis Österreichisch-Schlesien (Gau 40). Wenig später – 1897 – steht im Jahrbuch der deutschen Radfahrervereine:

Die Gaue 32 bis 36 liegen im Ausland.

Die Ostseeprovinzen waren damit nicht gemeint. Und doch gehörten sie zum Verbreitungsgebiet deutscher Fahrradkultur: Clichés des Dresdner Illustrators Gustav Bauer wurden 1897 in Reval und Riga in die dortigen Radfahrerbücher gedruckt. Seine Fahrradmotive fanden also ihren Weg ins Baltikum. Die 40 Gaue des DRB, die Haupt-Consulate der Allgemeinen Radfahrer-Union, die Tourenbücher aus historischen Königreichen, ehemalige Bundes- und Unionshotels, die Bundeseinkehrstellen und die Streckenverläufe der ersten regionalen Rundfahrten – vieles spricht für mehr Forschung und für diese regionalen Spuren europäischer Geschichte.

Europäische Heimatforschung beginnt und endet nicht in Estland, 1500 Kilometer vor Berlin, sondern in Moskau, Schottland, Portugal, Spanien, Krain, West-Galizien oder in Schlesien und der Oberlausitz.

In Archiven, Bibliotheken und Antiquariaten stecken tausende Teile eines großen Puzzles: das gesammelte #Radfahrerwissen einer Heimat – Europa.

Junge oder Mädchen?

Krain!

Der Wegweiser durch Krain u. Küstenland für Radfahrer : mit 82 Bildern und einer Strassenkarte von 1895 war – und ist

 

Ich werde das Buch nicht transkribieren. In Anlehnung an das Tourenbuch von Estland ist meine Frage viel mehr: Wer hat noch Forschungsfragen?

Europäische Heimatforschung


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