Neues Zeug für die vergleichende Tourenbuchforschung

Paul Hildebrand’s Radfahrer-Reisebücher führen durch Bayern. Und sie fallen auch sonst aus der Reihe: Je Buch nur eine Tour und als Abonnement vertrieben haben sie verglichen mit den viel umfangreicheren Tourenbüchern anderer Verleger und der Radfahrverbände, die um die Jahrhundertwende veröffentlicht wurden, einen eigenen Charakter. Das Radfahrer-Reisebuch / 22: Kempten – Lindau wurde kürzlich in der BSB digitalisiert. Der Rest der Reihe wartet dort noch auf digitale Erlösung. Liebe Münchnerinnen und Münchner, liebe Bayern, bitte als eBooks bestellen!

Wie sich die Touren in einer Region, deren Beschreibungen und Wahrnehmung und die Bücher selbst mit der Zeit veränderten, können wir jetzt gut mit drei digitalisierten Tiroler Radfahrertourenbüchern nachvollziehen, als da wären:

Mehr Links zu solch‘ Zeug hat die SLUB. Frohe Ostern!

Learning From Historical Bicycle Posters … and Road Books

Learning From Historical Bicycle Posters

heißt einer umfangreicher Blogpost von von Copenhagenize, eine Art Lehrstück für Fahrradmarketing:

If you compare the posters for sewing machines and vacuum cleaners and boil down the messaging used to sell the products to keywords, it looks like this:

– Liberating – it will change your life. Liberate you from whatever constrains you.
– Modern  – it’s new and exciting and all the kids are doing it. Keep up with the Joneses.
– Elegant – You don’t require anything else but the product. It’s elegant and so are you.
– Effortless – it’s so easy. Seriously.
– Social – It is sociable. Using the product will improve your sociability. More time with friends and loved ones.
– Convenient – It will improve your life with its ease-of-use by freeing up time for other activities.

… und der wohl besten US-Fahrradwerbung seit Jahren …

Nicht in Farbe und ähnlich aufschlussreich sind die Anzeigen, die man im hinteren Teil vieler historischer Tourenbücher und Festschriften findet.

Schulterblick nach vorn

Wenn ich nicht Velohonig suche, dann historische Tourenbücher. Im Rückspiegel sieht das dann so aus:


… dank Bene für den allergrößten Teil des Titeltextes im neuen Reflektor Magazin für den kommenden Winter!

tourenbücher on demand

ebooks on demand ist ein netter Service, um historische Literatur digitalisieren zu lassen – seien es Tourenbücher, Wegweiser oder Wanderbücher für Radfahrer. 37 europäische Bibliotheken nutzen die Plattform, um ihre Dienste anzubieten. … und diese eBücher kamen in den letzten Wochen (auch) dabei raus:

Ich nutze EOD, um diese gedruckten Fundstücke aus den Tiefen der Bibliotheksmagazine zu befördern. Digitalisiert liegen sie dann für Recherchen, für Georeferenzierung und für zukünftige Tourenpläne bereit. Auf dass sie hier und da wiederentdeckt und genutzt werden. Allein die Anzeigen der Gasthäuser, Fahrradhändler und Trikotherrsteller lohnen wieder gedruckt zu werden.

Und sonst: Wer sich für Radverkehrsrecht interessiert, findet in der SLUB auch ohne EOD ein digitalisiertes Büchlein: Das Radfahrer-Recht in dem Königreich Sachsen und den angrenzenden Ländern, … von 1895. Damals waren die Regelungen noch regional kolloriert, heute leben und fahren wir längst einheitlicher nach StVO.

Außerdem sind in der Europeana noch ein paar weitere Tourenbücher verzeichnet:

Wer war Theophil Weber?

Auf Theophil Weber stieß ich kürzlich in der SLUB. Dort wurde sein 1893er Tourenbuch für Radfahrer vom Königreich Sachsen digitalisiert. Mit seinem Verlag veröffentlichte er damals weitere Touren-Bücher – vom Rhöngebirge, vom Harzgebirge, von Thüringen – sowie Bände mit RadfahrerPoesie und zur Frage Ist das Radfahren gesund? mit Aerztliche[n] Gutachten über das Radfahren, die – in der dritten Auflage – noch um  … fachmännische Gutachten über das Radfahren erweitert wurden. Noch gibt es diese Bücher nicht digital [Nachtrag: Aber jetzt!]. In der Deutschen Nationalbibliothek sind nur wenige seiner Werke katalogisiert.

Theophil Weber taucht in nur einem Wikipedia-Artikel auf [jetzt auch im eigenen]; dort geht es um einen Streit mit dem Präsidenten des Deutschen Radfahrerbundes Carl Hindenburg:

So kritisierte 1890 der Chefredakteur der Leipziger Zeitschrift Stahlrad, Theophil Weber, die „Verschwendungssucht“ des DRB-Präsidiums unter Hindenburg, das sich extrem hohe Gelder aus der Verbandskasse habe auszahlen lassen. […] Auf Hindenburgs Veranlassung wurde Weber gegen den Widerstand des Gaus Leipzig aus dem DRB ausgeschlossen.

Auch dieser Konflikt sollte 1891 in Leipzig zur Gründung des Sächsischen Radfahrer-Bundes führen, berichtet 2011 die Verbandsschrift 120 Jahre SRB (pdf). Derzufolge war Theophil Weber…

der in Zürich geborene Schweizer, 1886 nach Leipzig übergesiedelter Herausgeber der damals größten deutschen Radfahrerzeitung ‚Stahlrad‘ …

Wer hat’s erfunden? Ein Schweizer …der Wissenschaftler Theophil Christen könnte dann u.U. sein Sohn gewesen sein. Für das Stahlrad bietet die DNB auf den ersten Blick nur einen mittelbaren Treffer und auch nicht viel mehr zur Person. Die Sporthochschule Köln sowie die Bibliotheken Bamberg und Mainz aber haben Stahlrad im Bestand. In Sachsen vielleicht ja auch der Radfahrerbund.

Weber veröffentlichte derweil auch das Handels- und Gewerbe-Adressbuch vom Königreich Sachsen und Jahrzehnte später das Fabrikantenbuch der Schweiz: Register der schweizer Fabrikanten, nebst Advokaten, Banken und Speditionsgeschäften.

Leipziger Verleger, sächsischer Radfahrer, Kaufmann, Chefredakteur und Schweizer…Der Mann weckt Neugier.

1903 wurde die Tour de France von einer Sportzeitung gegründet, um deren Auflage zu steigern. Ob Theophil Weber zuvor in Sachsen ganz ähnliche Interessen verfolgte? Die Kombination aus – ich nehme mal an – persönlicher Radsportbegeisterung, neuen Radrennen (1890 in Machern erstmals auch für die Damen!), etwaigen geschäftlichen Interessen mit dem eigenen Verlag und die Gründung eines sächsichen Radfahrerbundes sind dafür ein paar schöne Indizien.

Wer also war Theophil Weber?

Historische Tourenbücher für Radfahrer

Aus dem Tourenbuch des Gau 21 „Sachsen“:

Allgemeines

Die Strassen Sachsens gehören durchweg den besten
Deutschlands an und sind es hauptsächlich die Gebirgs-
strassen, welche sich vorzüglich und wetterfest zeigen.

Die Beschwerlichkeiten, welche das Erreichen von
Höhen durch Schiebparthien verursacht, werden immer
durch grossartigen Naturgenuss reichlich gelohnt und
durch äusserst schöne Thalfarten aufgewogen, deshalb
ist aber auch für Touren im Gebirge eine gute Bremse
unerlässlich, indem die Strassen theilweise starke Gefälle
und kurze Krümmungen aufweisen.

Bei mehrtägigen und längeren Touren empfehle ich
jedem Fahrer, zwei wollene, sogenannte Sportshemden
mit Kragen zum abknöpfen (die besten aus engl. Flanell),
ein leinenes Nachthemd, doppelte Strümpfe, Taschen-
tücher, Regenmantel, Nähzeug, etwas Verbandzeug,
Hirschtalg, Choleratropfen, Handschuhe, Taschenmesser
u. s. w., sich im übrigen aber auf das Nothwendigste zu
beschränken, ferner das nöthige Werkzeug (Schrauben-
schlüssel, Schraubenzieher), Draht, Bindfaden, gefüllte
Oelkanne, gerichtete Lampe, Riemen zum aufschnallen
der Joppe etc.

Möge nun dieses Werkchen den versprochenen
Zweck erfüllen und alle Sportsgenossen veranlassen,
recht fleissigen Gebrauch davon zu machen, auch soll
es den Herren Fahrwarten das Vorschlagen von Club-
touren erleichtern, damit das Tourenfahren zu immer
grösserer Blüthe gelange.

Dresden, im Juni 1893.

Mit kameradschaftlichem „All-Heil“

M a x H e r t el,
Gaufahrwart.

ScreenShot-SLUBdigital-TourenbuchWer weiß mehr als ich über die Tourenbücher für Radfahrer Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts? Eine digitale Kollektion historischer Tourenbücher für Radfahrer scheint es noch nicht zu geben. Die Deutsche Digitale Bibliothek verzeichnet aktuell nur den oben zitierten Band. Die SLUB hat außerdem noch das Tourenbuch für Radfahrer vom Königreich Sachsen / unter Berücksichtigung der angrenzenden Staaten aus dem Jahr 1893 und das Tourenbuch des sächsischen Radfahrer-Bundes digitalisiert und ein Tourenbuch des Vogtlands sowie Tourenkarten im Katalog. Und für andere Regionen wurden seinerzeit ähnliche Büchlein verlegt.

Das fehlt vielleicht noch: Eine Kleine Geschichte der Tourenbücher für Radfahrer. Allein die Inserate der Fahrrad-, Fahrradteile- und Fahrradkleidungshändler und der Hotels erzählen jede Menge über Zeitgeist und Fahrradkultur – weit vor Bed & Bike.